Reisebericht Januar 2021

Andreas Goerlich, Projektleiter vor Ort

Andreas Goerlich umringt von seinen beiden Stellvertretern (links: Shims und am Selfiehandy. Ali)

Ziraq Hameed, Leiter von Pnaga

Andreas Goerlich vor dem kompetenten Team unseres Partners Pnaga.

 

Diese Psychologinnen und Psychologen arbeiten mehrheitlich nach der sogenannten Narrative Exposure Therapy:

Knappe Erklärung:

 

Die therapeutischen „Wirkstoffe“ der NET

  1. Aktive, chronologische Rekonstruktion des autobiographisch expliziten, episodischen Gedächtnisses
  2. Verlängerte Exposition der ‘Hot Spots’ und umfassende Aktivation des Angstgedächtnisses, um eine Reorganisation des emotionalen Netzwerkes zu erlauben durch die Anbindung der ‘heissen Gedächtnisinhalte’ an den ‘kühlen Kontext’
  3. Bedeutungszuschreibung und Integration der kognitiven, emotionalen, physiologischen und somato-sensorischen Reaktionen in den damaligen raum-zeitlichen Lebenskontext
  4. Kognitive Neubewertung von Verhaltensmustern und Neuinterpretation der Ereignisse und seiner Auswirkungenauf das gesamte Leben
  5. Wiedererlangung von Würde und Befriedigung des Wunsches nach Anerkennung des geschehenen Unrechts.
  6. Korrigierende Beziehungserfahrung durch die ununterbrochene, empathische und wertschätzende Zuwendung des Therapeuten, welche durch ein Verstehen und Einfühlen in die Lebensgeschichte des Klienten möglich wird.

WIR MÜSSEN EIN PROJEKT STARTEN, UM GEWISSHEIT ZU HABEN

7. JANUAR 21

Ankunft in Dohuk um 7.30 Uhr

 

Nach dem Frühstück Bezug eines Gästezimmers von CAPNI in Kayar City.

 

Nach zwei Stunden dösen Besuch des CAPNI Hauptquartiers und „updating“. Rabbi Mikhael (Vize Direktor) erzählt aus seinem Spezialgebiet „minorities“: In und um Mossul droht scheinbar alles schiitisch zu werden durch den Zuzug vieler Reicher aus dem Süden, denen es dort zu heiss (und zu teuer) ist. Selbst die Dörfer um Bashiqa (Stadt, in der Muslime, Jesiden und Christen friedlich nebeneinander lebten).

 

Das bestätigt sich bei einem späten Treffen mit meinen beiden Stellvertretern Ali und Shms, die auch aus Bashiqa kommen. Sie kennen viele Menschen nicht mehr und selbst in Bashiqa selbst verkaufen die Jesiden mit Vorzug ihre Häuser an Moslems, weil diese den besten Preis bieten. Offenbar findet eine Islamisierung durch Zuzug statt. Das Bashiqi (kurdischer Dialekt in Bashiqa) verschwindet aus den Unterhaltungen auf der Strasse. Seit Silvester laufen fast alle Menschen (auch in Dohuk, auch die Taxifahrer) ohne Maske herum und antworten ranzig „Corona nina“ (es gibt kein Corona mehr).

 

Im Mittelpunkt stand aber ein Gespräch mit ZIRAQ HAMEED, dem Leiter von Pnaga (= der sichere Hafen“), der „single“ ist und seit langer Zeit in Sharya lebt. Die Projekte finanziert khaima zusammen mit ZAROK.

 

Sie sind gut nach der ersten Coronawelle gestartet. Weil sie ihre Leute immer auf dem Laufenden hielten, anriefen, auch Masken und Mittel brachten, wagten diese Menschen sich wieder früh ins Zentrum. Die Kosten belaufen sich auf 400 - 500 Franken für Hygiene, aber es lohnt sich und selbst die Jugendlichen sind getrimmt auf den Abstand und die Masken.

 

Selbst Telefonberatung übers Handy gab es durch Jiyan und Barzan, das Team der Psychologen. Bewar kam sogar früher zu Gesprächen, weil er einen Container erhielt für die Beratungsgespräche von einer kurdischen Organisation, die aufhörte. Er braucht nur noch ein wenig Einrichtung und dringend 3 „Psychologenkoffer“ mit Stressbällen etc. fürs ganze Team.

 

Für die Einführung eines neu geplanten Trauma Seminars für Männer luden Ziraq und Bewar gestern alle „Muktars“ (Gemeindevorsteher der Jesiden) zusammen, um für die Betreuung und Werbung von solchen Fällen tätig zu werden.

 

(Im Gespräch heute mit den Frauen, die zum Traumaprojekt kamen, wurde klar, dass die Frauen gar nicht wollen, dass ihre Männer kommen, da diese sonst noch mehr weg sind und eventuell die Frauen nicht mehr kommen lassen, weil sie merken, dass diese ihr Innerstes für die Trauma-Arbeit preisgeben).

 

„Wir müssen ein Projekt starten, um Gewissheit zu haben“, meint Ziraq, denn alleine zu Einzelgesprächen zu kommen, mache die Hemmschwelle für viele zu hoch. In einem Seminar mit zwanzig anderen ist es „erlaubt“ und es lässt sich besser „verstecken“.

 

Ziraq wohnt selbst in Sharya und kennt die Leute und kennt viele Zusammenhänge. Das bringt ihn nahe zu den traumatisierten Menschen, obwohl er selbst Lehrer und kein Psychologe ist. Er ist quasi ein Hoffnungsträger, weil er vielen Menschen, besonders auch Kindern zu einem glücklicheren Leben dadurch verhalt, indem er sie für zwei Projekte (Trauma-Seminar und Follow-up) nahm.

 

Manchmal wäre er froh, wenn es noch eine zweite Organisation wie seine gäbe, das er manchmal kraftmässig an Grenzen stösst.

 

Daher ist er froh, dass khaima und ZAROK für die neue Anfrage aus dem Camp Qadya (Qadya) selbst neue Mitarbeitende suchen kann, die dort helfen und auch arbeiten könnten, wenn der Lockdown seiner Organisation das Reisen über 50 km nicht erlauben würde.

 

Die Rückkehr der jesidischen Familien ins Sindjargebirge (die Badgader Regierung bietet dafür 3 - 4 Monatslöhne an…) sieht er sehr kritisch. Menschen würden trotz Umzugs wieder zurückkommen, in den Coperto-Camps gäbe es sogar einen Sindjartourismus, der nach 4 Wochen wieder ins Zelt in Coperto mündete. Möglich wird das, weil Badgad und Erbil über diese Thema nicht reden, so können sie die Zelte in Kurdistan behalten und eine Zeit lang nach Bagdad gemeldet werden, sie würden dort wohnen.

 

Ausschlaggebend für die Rückkehr sind vier Gründe:

  • Keine Sicherheit durch Polizei oder Soldaten (IS, PKK und Hashed as shabee sind immer noch da)
  • Fehlende medizinische Versorgung
  • Fehlende Wasserleitung und schwache Stromversorgung
  • Das katastrophale Fehlen von Schuleinrichtungen (dies bestätigten mir die Frauen aus dem Traumaseminar, die zuerst fragten, weshalb khaima nicht im Sindjargebirge solche Seminare anbieten würde).


Bewar in seinem neuen Besprechungscontainer

in dem er Trauma-Arbeit mit "Klienten" durchführt: z.B. sogenannte Lifelines - Lebenslininen mit Höhepunkten (Blumen / Blüten) und Tiefpunkten, Verlusten werden hingelegt, benannt, reflektiert.

Beispiel einer solchen Lebensline (lifeline)

Andreas bekommt erklärende Worte vom "Klienten".

WENN DU DIE MENSCHEN NICHT LIEBST, BIETE KEINE TRAUMATHERAPIE AN

8. JANUAR

 

BEWAR SAFAR DOSKI ist ein junger, neugieriger Sozialarbeiter und studierter Psychologe, Muslim, verheiratet, der im Augenblick sein Aufbaustudium für Trauma im IPP an der Universität Dohuk ins letzte Jahr bringt.

 

Lange Jahre war er verantwortlich für die Waisenhäuser in Dohuk und kennt somit auch die Gerichtsgebäude und psychologischen Kontaktstellen ziemlich gut.

 

Seit fast vier Jahren arbeitet er für khaima und ZAROK. Er wird nun auch neu mit der Trauma-Arbeit für Männer beauftragt.

 

Er schreibt pünktlich und ausgezeichnet seine Berichte „mit links“ und ist ständig auf der Suche nach neuen Anforderungen. Er ist sehr gerne Teil des Teams von Pnaga und macht Einzeltrauma-Sitzungen in einem separaten Container, während die anderen Gruppenarbeit oder Kinderarbeit im Traumabereich leisten.

 

Fünf bis sieben Personen kommen zu ihm täglich und dann gibt er noch Informationseinheiten für die Kinder und Frauen im Zentrum.

 

Wie verkraftet er das – trotz guter Kenntnisse durchs Traumstudium?

 

Wenn Du die Menschen nicht liebst, biete keine Traumatherapie an“, ist seine kurze und klare Antwort. Darum kann er sich wie ein Kind freuen, wenn kleine Fortschritte erzielt sind. Und trotz seiner jugendlich ungestümen Haltung hat er eine Eselsgeduld mit den Menschen – faszinierend.

 

Am Abend schreibt er: „Ich bin müde. Ich habe alle meine Energie gebraucht, um mit einer suizidgefährdeten Frau einen Vertrag zu schliessen, dass sie das nächste Mal kommt – also sich nichts antut“.

 

Nachmittags hatte er die Frauen ermutigt, mir Fragen zu stellen oder von ihren kleinen Erfolgen zu erzählen: Viele kamen von Syrien oder Sindjar in die Fremde, wurden von der Nachbarin nach Sharya mitgenommen und fühlen sich in Pnaga erstmals ernstgenommen. „Ich wurde so oft vergewaltigt, dass ich dachte, ich würde kein einziges Mal mehr darüber sprechen. Aber als ich meine Lebenslinie aufarbeiten konnte, da schüttelte es mich und ich erzählte jedes Detail. Seither kann ich viel ruhiger schlafen“.

 

Oder: „Meine Kinder mussten unter mir leiden. Nachdem ich so oft verkauft und missbraucht worden bin, schlug ich meine Kinder beim kleinsten Lärm, kratzte und liess meine Wut an ihren Haaren und Backen aus. Letzte Woche konnte ich mich bei meinen Kindern entschuldigen – nach vier Jahren! Dank Pnaga“.

 

Nicht nur ich bin stolz, dass unsere kleinen Projekte mit Zarok und Pnaga realisiert werden können. Auch Bewar und das ganze Team stellen am Abend bei der Auswertung des Tagesprogramms fest: „Wir können hier viel bewirken. Es leuchtet so mancher erloschene Stern wieder“.



Draussen im Jugendgefängnis von Dohuk.


Anmar, für uns ehrenamtlich arbeitender Finanzchef von CAPNI

Anmar wurde vor knapp einem Jahr Vater.

DIE CHRISTEN WERDEN DEN IRAK VERLASSEN

9. JANUAR 21

 

Zuerst aber ging es ins Jugendgefängnis in Dohuk. Dort wütete seit November Corona (13 Fälle bei den Jungs, 11 bei den Mädchen).

 

Bei 15 Grad empfangen wir die Jungs (ich darf nicht zu den Mädchen) für einmal im Garten des Gefängnisses und sprechen über ihre Lieblingssportler und dass sie wie die Gefangenen Verzicht auf Vieles üben müssen und dass sie mit Niederlagen umzugehen lernen müssen und dass sie für den persönlichen Sieg kämpfen.

Am Ende erhält jeder eine Schokikugel von Lindt und schliesst die Augen und lässt sie im Mund zergehen und stellt sich frische Milch vom Gebirge vor. Das soll bei der nächsten Krise helfen, „den Unterschied zu machen“… (Augen schliessen, schmecken und nachdenken, erst dann reagieren). Die Jungs sind beeindruckt und wollen gar nicht gehen…

 

Der Gefängnisdirektor fragte mich, ob es nicht möglich wäre, etwas für die Frauen zu tun.

 

Die Jungs haben einen Fussballplatz, die Mädchen nur einen Turnraum ohne Ideengeberin. Die einen sitzen depressiv in der Zelle, die anderen sind täglich von der Vergangenheit gestresst, daher wäre Yoga und Sport eine gute Möglichkeit. So diskutierten wir mit den beiden Psychologen und meinten: Wenn, dann müsste sie mit den Psychologinnen eng zusammen arbeiten. Denn die wissen, ob es Yoga oder Sport braucht und wer spezielle Übungen bräuchte. Es ist natürlich eine Verwandte des Direktors, aber in dem Falle ist es ein Vorteil, weil sie um die Gefängnisgepflogenheiten weiss und er verantwortlich wäre, falls es nicht rund läuft…

 

Und die Psychologinnen fanden, sie sei aufgeschlossen und ideenreich.

 

Es wäre in den ersten drei Monaten je 250.- und danach 320.- für 24 Stunden im Monat (4 mal 2 Tage à 3 Stunden). 

Was denken Sie als Leserin oder Leser, möchten Sie dieses Projekt unterstützen?

 

 

ANMAR ist Finanzchef bei CAPNI seit einigen Jahren. Er verwaltet das khaima (-Zarok) Konto gratis und hat besonders in der Coronazeit im Frühjahr 20 mitgeholfen, dass die Projekte in den Camps dank Auszahlung und Kredit ermöglicht werden konnten. Im November hatte er Corona, daher plante ich ihn, heute zu besuchen.

 

Er ist assyrischer Christ und hat eine liebevolle Frau gefunden bei der Arbeit in CAPNI. Sie darf aus „Interessenskonflikt“ nicht mehr dort arbeiten und hat nun nach dem Mutterschaftsurlaub eine Staats-Mitarbeiterinnenstelle für Mossul in Fayda.

 

Anmar macht eine Weiterbildung zum Geschäftsprüfer jeden Abend von 17-19 Uhr. Da aber jede Firma korrupt ist und besticht, will er nur Geschäftsführer für humanitäre Organisationen werden. Die müssen keine Steuern zahlen, daher braucht es dort keine Korruption.

 

Er ist geschätzt bei C(hristian) A(id) P(rogram) N(uhadra) I(raq). Nuhadra meint Ninive.

 

Die Christen werden aus Mossul hinausgedrängt, viel mehr Schiiten aus Bagdad und südlicher kaufen oder mieten Wohnungen für höhere Preise.  Die Christen werden verstärkt den Irak verlassen, weil in den täglich Benachteiligungen und Sticheleien bringen immer mehr Menschen dazu, aus dem Irak wegzugehen.

CAPNI hat noch eine Bedeutung, aber nach der Häuserrenovation und den Kirchenrenovationen in den Gebieten um Qaraqosh und Bartnaya wird es vermutlich etwas ruhiger werden.

 

In Kurdistan wird die Stimme der Christen meistens noch gehört. In Bagdad nicht mehr. Wie die meisten Christen sucht auch Anmar nach einer Möglichkeit, das Land zu verlassen.



Die 11 Jährige Meleg hat zu Barzani Vertrauen gefasst.

Meleg spielt nach dem Gespräch mit dem Psychologen mit allen Geschwistern, angeleitet durch die Psychologin Jihan


Das „Women empowerment center“ im syrischen Camp Fayda (Domiz II) - wo die Computerkurse für Frauen stattfinden - erweitert nun sein Angebot um eine Bäckerei und Kaffee Ecke.

Vian (Mitte) hilft auch im Garten mit - Hauptsache es wird schön und damit einladend.

MANCHMAL ZERREISST ES MICH

10. JANUAR

 

MELEG („Engel“ auf arabisch) wohnt am Stadtrand von Sharya in einem Haus, für das die australische Regierung (für jesidische Trauma-Opfer) die Miete bezahlt. Meleg ist 11 Jahre alt und wohnt bei ihrer Tante, die zum Glück 9 Kinder hat.

 

2/8/2014 wurde Meleg bei dem IS-Überfall auf ihr Heimatdorf im Shingalgebirge mit ihrer Mutter nach Syrien verschleppt und von ihrem Vater getrennt. Über den Missbrauch erzählt sie nicht. Bei einem Luftangriff der Alliierten wurde sie verletzt und sah ihre Mutter sterben. Vor einem Jahr wurde sie befreit und zu ihrer Tante gebracht. Meleg war gewalttätig, sprach nur arabisch, stahl und hatte Schlafschwierigkeiten.

 

Barzani Khairi, Psychologe für khaima / ZAROK / PNAGA, fand einen Zugang zu ihr und konnte ihre harte Schale öffnen und zeigen, dass hier andere Werte gelebt werden. Inzwischen spricht sie gut kurdisch und freut sich über jeden Besuch. Aber es ist hart erkämpft: „Manchmal zerreisst es mich“ gesteht sie unumwunden. Daher ist der Ablauf wichtig: Schon die Ankunft ist sehr natürlich, beide Psychologen mischen sich unter die Familie und irgendwann gibt Barzani ein Zeichen. Während Meleg draussen mit ihm spricht, spielen die Kinder mit unserer zweiten Psychologin Jihan Sa’ed, damit Meleg nicht gestört wird. Danach spielt Meleg mit allen Geschwistern und Jihan, damit das Gespräch „keine Strafe“ war, während Barzani mit der Tante regen Gedankenaustausch hat. Am Ende kommen alle befreit mit bis zum Auto.

 

Der zweite Besuch steht in einem abgelegenen Dorf (Sina) an. Die 13jährige Brina hat auch Zugang zu unserem Psychologengespann gefunden und gibt bereitwillig Auskunft, wie sie und ihre Geschwister samt der Mutter in Syrien herumgeschoben und misshandelt wurden sowie den Koran lesen lernen mussten.

 

Wunden heilen langsam, daher wird sie auch weiterhin Besuch bekommen, obwohl sie die beiden Traumaprojekte schon abgeschlossen hat. Dafür ist das „Trauma-Besuchsprogramm“ geschaffen worden.

 

Bereits am Morgen gab es eine eindrückliche Begegnung: Unsere Partnerorganisation LOTUS FLOWER hat das „Women empowerment center“ im syrischen Camp Fayda (Domiz II) um eine Bäckerei und Kaffee Ecke erweitert. Dort sollen Frauen backen lernen und danach selbständig miteinander ein Kaffee führen. Schon der Garten lädt mit Blumen ein und bald wird die Bäckerei eingerichtet sein. Vieles tun die syrischen Frauen selbst bis hin zum Putzen, Gartenarbeit oder Zentrumsverwaltung.

 

VIAN, die Leiterin von Lotus Flower, hat viel Zeit und Energie investiert in den Aufbau des Zentrums. Für einmal kann sie heute so richtig zurücklehnen, geniessen und stolz sein!

 



Vian, Leiterin von drei Zentren im Namen von Lotus Flower


Der Arzt Dr- Adid Youhana


Der Pfarrer Qasha Gewargis

DER WUNDERBARE TAG DER BEGEGNUNGEN

11. JANUAR

 

In der Wirtschaftswelt wäre VIAN AHMED eine Aufsteigerin, eine erfolgreiche Jungunternehmerin. In kurzer Zeit stampfte die junge Muslima mit ihrem Mann in Dohuk eine Initiative aus dem Boden, die seinesgleichen sucht. Verbunden mit dem englischen „Mutterhaus“ von Lotusflower, das ebenfalls eine junge Kurdin (Taban) gründete, wurde aus dem kleinen Verein in Dohuk eine Initiative, die in Esyan, Qadya (Rwanga) und Fayda (Domiz II) ein Zentrum führt für Frauen und Kinder – über die Religionsgrenzen hinaus. Vian selbst ist inzwischen so bekannt, dass sie regelmässig in Erbil bei UNICEF und anderen Grossorganisation Kurzreferate halten kann.

„Wer den Dinar nicht ehrt…“ ist einer der Erfolgsschlüssel von Lotusflower: Mit kleinem Budget stampft sie grosse Projekte aus dem Boden, weil sie die Menschen zu Freiwilligkeit und Einsatz motivieren kann. Zudem ist sie flexibel und geduldig. Und sie legt regelmässig selbst mit Hand an bei körperlichen Arbeiten, was in Kurdistan schon die Ausnahme bildet…

Alles findet sich im gefächerten Programm der Organisation:

  • Online Doktorarbeit oder Studium für junge Syrerinnen
  • Aufklärung über Corona
  • Englisch für Kinder
  • Excel-Kurse am Computer
  • Nähmaschinen –, Box- und Backprojekte
  • Frauenrechte
  • Behindertenprogramme 
  • Trauma-Arbeit mit IS-Überlebenden
  • Theater und Gesang kamen neu vor, als Taban schwer krank war: Alle Gruppierungen machten einen Beitrag für ein zusammengeschnittenes Gesundheitsvideo.

Auch wenn Corona das Budget und die Spendenfreudigkeit gebremst hat, wird sich Vian nicht unterkriegen lassen.

 

Dr. ADID YOUHANA ist Arzt an drei Orten: 50% Arzt bei der grössten christlichen Hilfsorganisation im Irak, CAPNI; 50 % Arzt im Krankenhaus in Shekhan und freiwillig bei den „Jungen Ärzten für Sindjar“. Seine kompetente Art lässt er nicht gerne in medizinischen Fachwörtern spüren, sondern im humorvollen Erklären und Vorschlägen. Unermüdlich bringt er Vorschläge für die Partner: Johanniter, Malteser, Rotes Kreuz oder Caritas.

Er ist in seiner Momentaufnahme sehr klar: Die Zukunft liegt in Sindjar. Die grossen Organisationen wurden gewarnt, die Regierung spricht davon: Mit allen Mitteln werden die Jesiden nach Sindjar zurückgehievt, ihre „Heimat“ hat aber weder genügend Strom, Wasser, Medikamente oder Arbeitende; auch keine Schulen. Das soll sich nach dem Willen Bagdads ändern, indem die Organisationen nach Sindjar beordert werden. Wo das hinführen soll, weiss Dr. Adid noch nicht, „doch als Ärzte arbeiten wir da, wo Menschen uns dringend brauchen“.

 

Schliesslich wäre da noch ein Treffen mit Pfarrer QUASHA GEWARGIS von der neuen assyrischen Kirche. Mit ihm habe ich schon viele Gottesdienste gemeinsam gefeiert. Er sieht die Situation nicht so dramatisch wie Anmar. Seine "Schäfchen" würden im Augenblick bleiben – er hoffe, nicht nur wegen Corona. Seine Kirche öffne sich, schliesslich wolle man der Welt keine fünf Christusse zeigen, sondern nur einen…



Die unverwüstliche Miss Khabat beim neu eröffneten Nähprojekt für Witwen.

Für khaima ist es das achte erfolgreiche Nähatelier.


KHABAT, DIE FRAU DER TAT

12. JANUAR

 

MISS KHABAT ist seit fast 30 Jahren im Geschäft als Präsidentin von VOP Fam („Voice of Older People and Family“). Sie hat alle Höhen und Tiefen des privaten und des Berufslebens durchgemacht. Und ist noch immer sehr stark. Ihren Mann muss sie mit einer zweiten, jüngeren Frau, teilen, ihr Sturz vor ein paar Tagen setzt sie ziemlich ausser Gefecht und durch das Coronajahr hat sie viel weniger Projekte verwirklichen können. Aber mit ihr ist weiterhin fest zu rechnen.

Seit Jahrzehnten ist sie freundschaftlich verbunden mit Abuna Emanuel Youkhana (Pfarrer und Leiter von CAPNI) und mit Chris und Greg Callison (Pfarrehepaar der  PRESBYTERIAN CHURCH OF AMERICA).

Miteinander haben sie viel erreicht, vor allem im interreligiösen Bereich und dem Dienst an den Ärmsten. Als Frau, die für Gerechtigkeit eintritt, ist sie in Kurdistan bekannt und erhält sogar im 6 Stunden entfernten Camp in Suleymaniah problemlos ein Dreijahresprojekt für die Verteidigung von Frauen, die kein Geld und keine Lobby haben, sich selbst einen Rechtsanwalt zu suchen (bis hin zur Erlangung von „offiziellen“ Dokumenten).

Heute eröffnete khaima erneut mit dem deutschen Partner ZAROK und VOP ein religionsübergreifendes Nähatelier für Witwen im Camp Shekhan. 10 Jesidinnen, 5 Muslima und 5 christliche Mütter dürfen in zwei Schichten (aufgrund der Platzverhältnisse in Coronazeit) einen 20tägigen Kurs zur Erlangung der wichtigsten Kenntnisse im Nähmaschinenbereich erlangen. Danach erhalten sie eine Nähmaschine mit Generator geschenkt (da der Strom regelmässig ausfällt). Und sie verdienen damit ihren Lebensunterhalt. Für khaima ist es das achte erfolgreiche Nähatelier, für ZAROK das vierte. Viele Frauen haben auch nach Jahren noch Freude und noch immer ihre qualitativ hervorragende Nähmaschine, um ihre Familie zu ernähren und sogar Operationen zu finanzieren. Wir begleiten sie fast ein halbes Jahr mit Rat, mit Stoff und allfälligen Reparaturen.

 

Der Nachmittag nach der Eröffnung wird zu einer Schreckenserfahrung für mich. In der Barzani-Klinik (die einzige mit dem für den Flughafen gültigen Stempel) soll ich einen Corona (PCR)-Test machen. Das Krankenhaus wird erst eine halbe Stunde später geöffnet, weshalb sich schon 50 Personen (die Hälfte ohne Maske) vor der Türe hin und her drängeln (obwohl ich zu den ersten sieben gehörte, stehe ich als letzter fernab). Nach der Öffnung gelingt es mir, die Krankenschwester zu überzeugen, dass ich nicht an der Kasse Schlange stehen muss zum Bezahlen des Tests, denn wer bisher kein Corona hatte, hat es spätestens nach dieser „Schlacht“.

Ich warte brav draussen, bis ich ein Zeitfenster habe, dann gehe ich zum Wartezimmer und rufe immer wieder STOP, um hereindrängelnde Menschen vor der Türe zu halten. Endlich komme ich dran. Beim Hinausgehen laufe ich an inzwischen über hundert Menschen vorbei, ein unerwünschter „Abschiedsgruss“.

In Dohuk haben offenbar an die 70% der Bevölkerung (inklusive Flüchtlinge) Corona gehabt und fühlen sich unansteckbar aufgrund der „Herdenimmunität“.

Kein Taxifahrer, kaum eine Bedienung hat eine Maske an, auch in den Camps drängeln sich die Menschen und antworten nur „corona nina“ (es gibt kein Corona mehr), wenn man empört „social distance“ einfordert.  



Der jesidische Arzt Dr. Hussein Saed

Zusammen mit Andreas Goerlich

Die neue, freiwillige Hilfsgruppe für die Menschen im Sindjargebirge: „Wir sollten einander Heilung bringen“ ist eines der Mottos dieser jungen Ärzte, Zahnärztinnen, Apotheker, Juristinnen und Pflegenden

EINANDER HEILUNG BRINGEN

13. JANUAR

 

DR. HUSSEIN SAEED ist ein junger, ambitionierter Arzt – geboren in Khanazor bei Sinune (Sindjar). 10 Tage wohnt er bei der Frau und den Kindern nahe Dohuk, 10 Tage arbeitet er als Arzt in der Klinik im Sindjargebirge (Sindjar City). Als Jeside verbindet ihn eine ungewöhnliche, schöne Freundschaft mit Dr. Adid, dem Arzt von CAPNI.

 

Weil Bagdad immer mehr Jesiden drängt, wieder nach Sindjar zurückzugehen (und sie mit 2-3 Monatslöhnen lockt), wächst die Not: Die Häuser dort, in denen die Menschen einst wohnten, sind durch die IS und die alliierten Luftangriffe zerstört. Und so wohnen die Familien in Ruinen oder Garagen oder Teilbauten. Corona setzt ihnen zusammen mit den Naturelementen im Winter natürlich extrem zu. Ausserdem ist Hilfe fern.

 

Wir sollten einander Heilung bringen“ ist eines der Mottos dieser Menschen: Junge Ärzte, Zahnärztinnen, Apotheker, Juristinnen und Pflegepersonal haben sich freiwillig zusammen getan und unter dem Namen „We are with you“ Hilfsgruppen zusammengestellt, die in kleinen Bezirken im Sindjargebirge helfen bei Coronakranken und Verarmten.

 

Als Gruppe, die nicht registriert ist, aber das Vertrauen der eigenen Leute hat sowie rasch und unkompliziert hilft, gelingt es ihr, innert kurzer Zeit Menschen mit Medikamenten, Kenntnissen oder notfalls Sauerstoff zu versorgen je nach Spenden, die sie erhalten.  Geholfen wird über Religionsgrenzen hinaus und geworben nur gratis über Facebook und soziale Medien (mit einer zentralen Notfallnummer).

Sind die Gruppen vor Ort überfordert, können sie schnell einen Spezialisten an die Telefonleitung von Mossul oder Dohuk erhalten.

Auch psychologische Hilfe kann rasch angefordert werden - eine Gruppe dafür ist im Aufbau. Die überwältigende Solidarität ist aus der Not des Alleineseins heraus gewachsen und die beste Antwort auf den Druck, der von der Zentralregierung kommt.

Die Idee in einer „Nachcoronazeit“ ist es, die Arbeit nicht zu beenden, sondern sich zu konzentrieren auf Menschen, die auch im Sindjar an den Rand gedrängt bzw. vergessen sind: Witwen, Waisen, Behinderte, zerbrochene Familien oder Kriegsgeschädigte.

Es ist eine spannende Bewegung, die sich interessanterweise auch in den christlichen Gebieten zwischen Mossul und Bashiqa durchsetzt: Solidarität, Verzicht für andere, wenn von aussen zu wenig Hilfe kommt. Davon werden wir in Zukunft noch Einiges hören.

 

Der Nachmittag des heutigen Tages gehört den Auswertungen mit den Psycholog/inn/en von Pnaga und IPP (fürs Jugendgefängnis). Sie leisten unverzichtbare Arbeit, sind motiviert, aber trocknen aus, obwohl das Examen noch gar nicht weit zurückliegt: Es fehlt an Supervision (und damit an Zündstoff für Motivation) und es fehlt an Fortbildung (in einer schnell wechselnden Tragik- und Trauergeschichte der Länder braucht es „Proviant" und „Neuanschnitt“).

 

Am Abend geht es nach dem Erhalt des negativen PCR Tests nach Erbil. Bald breche ich auf zum Flughafen und nach langem Warten in Istanbul komme ich hoffentlich gegen Abend in einem nicht zu schneereichen Zürich-Kloten an.