Hier zur Illustration der Reisebericht von Andreas Goerlich von seinem aktuellen und unten vom letzten Besuch im August:


Dankesbrief von Ahad Alkhder

Alle Bilder: khaima

Istanbul 3.- 5.10.2018

Am 3. Oktober kam ich gegen 20 Uhr hier an. Um 21 Uhr traf ich mich mit Ahaad und Hassan Alkdher. Ich lud sie zum ersten Essen ein.

Am Samstag sassen wir den ganzen Morgen zusammen und werteten aus und besprachen das Künftige. Am Nachmittag ging ich mit Ahaad (er zum allerersten Mal) in die Hagia Sophia und in die Justiniansthermen, was für ihn als Ingenieur sehr wertvoll war, da die Statik und Bauweise aus dem 7. Jahrhundert schon recht ausgereift war. Die Hagia Sophia erweckte seine Sympathie, da Islam und Christentum dort noch immer gemeinsam auftreten (auch wenn Erdogan Anderes vorhat mit der Kirchenmoschee).

 

Hassans Situation

Hassan betonte mehrfach, dass er ohne KHAIMA nicht dort wäre, wo er jetzt ist: An der BAU, hervorragende Universität in Istanbul, die er mit seinem 60% Job bei MARK (IT). Es ist sehr schwer, weil mit 25% Inflation alles etwa doppelt so teuer wurde (Eier kommen zum Beispiel aus den USA und haben Steuern drauf…).

Er schläft mit einem Studienkollegen in einem Zimmer für 1000 Lira im Monat, er verdient 2200, hat aber keinen Arbeitsvertrag, weil syrische Flüchtlinge OFFIZIELL vor dem Gesetz nicht arbeiten dürfen . Eine billige Art, gute Fachkräfte zu haben in der Türkei. Und wenn das Geschäft nicht läuft, setzt man ihn morgen an die frische Luft. Aber er ist hoffnungsvoll. Ich skypte mit seinem kleinen Bruder SAAD, der den Ehrgeiz der Brüder und KHAIMA in Qamishlo (Syrien) absolut bewundert und mit fast 10 Jahren sich selbst ein hervorragendes Englisch beigebracht hat. Khaimas Hilfe zieht Kreise…

 

Ahaads Situation

Ahaad kommt mit unserem Geld einigermassen durch, wenn nichts Besonderes ansteht. Er kaufte gestern Bücher, doppelt so teuer wie bisher, auch die Hefte und Stifte und das Computerprogramm, das er fürs Zeichnen braucht (3D), muss er selbst zahlen.

Das Dormitorium, das er sich in Kahrmanmarrash mit 3 anderen Studierenden teilt, ist 30% teurer, die Mensa und die Studiengebühren sind etwa ebenso gestiegen (ein Viertel). Er erhält zwar von uns Euro, aber die Banken müssen „Valutasteuern“ abziehen, da die Regierung wenig Fremdwährungen selbst hat. Transport (habe ich selbst jetzt in Istanbul gesehen), steigt je nachdem (Bus oder Metro oder Strassenbahn) um 60 bis 100 Prozent.

Ahaad plant, im August 2019 sein Studium zu beenden. Seine Ergebnisse sind im Schnitt 88 (von 100), also im Bereich gut bis sehr gut. Er hat die Zulassung zum Examen (was auch wieder etwas kostet).

Er hat drei Fächer (Chemie, Physik, Technik), die VIEL von ihm abverlangen. In den Schulfächern ist er Einiges besser.

Sein Englisch ist erfreulich besser geworden, gestern haben wir viel und nur auf Englisch gesprochen.

Neben all den Verpflichtungen geniesst er Fussball und manchmal Tennis am Campus, damit er auch sportlich fit bleibt. Und macht mit Freunden manchmal Komödien und Witze, die sie auf youtube aufnehmen.

 

Zur Situation zu Hause:

In Qamishlo hat die PWD den Religionsunterricht abgeschafft und durch Partei Ideologie ersetzt. Für das teilchristliche Qamishlo ist das ein Desaster, weil viele Schulen christlich geführt werden und von Europa Unterstützung erhalten. Da wird es zum offenen Streit bis zur Schulbesuchsverweigerung kommen.

IDLIB sei im Augenblick ruhig, alle sagen aber, sobald sich der beruhigte „Weltblick“ von Idlib entfernt, werden Russen und Assad zuschlagen. Alle geben Idlib bereits für „verloren“.

Sobald die Sicherheit gewährt sei, wolle er versuchen, in Syrien zu arbeiten, aber das ginge wohl noch zwei Jahre – meint Ahaad.

Vielleicht hängt er sonst auch noch ein Masters Studium an wie sein Bruder…

 

Liebe Grüsse und herzlichen Dank von BEIDEN

 

 

Herzliche Grüsse Euer Andreas Goerlich

 



DOHUKREISE 23.8. – 1.9. 2018

DOHUKREISE 23.8. – 1.9. 2018

 

23.8. Nachmittags Abflug…. Über Istanbul …. Antalya …. nach Erbil

 

24.8.  Fahrt nach Dohuk … etwas schlafen … Gratis Gästezimmer im CAPNI Neubau… Gespräche mit CAPNI Fahrt nach Sharya, Abschlussfest mit den Kindern und ihren Angehörigen des «Children Trauma Project in Sharya» (Nummer 2, Nummer 3 wird von einer amerikanischen Kirchgemeinde übernommen).

Ich habe die Kinderaugen zuletzt im Juni gesehen, als das 2. Projekt begann. Augen können nicht lügen. Es ist ein geniales und nötiges Projekt mit Erfolg. Allerdings die Frage der Nachhaltigkeit tauchte auf: Die Kinder kehren nach Hause mit neuen Ideen, gehen an ihre Trauma-Arbeit, aber damit halten sie der Verwandtschaft den Spiegel vor, die das nicht macht oder machen kann… Da wäre ein «follow up» sehr sinnvoll.

 

ABENDS: Treffen mit Ali, der sehr froh um die finanzielle Unterstützung ist. Er hat keine Arbeit, weil mit neuen Bagdad Regelungen viele Projekte mit «alten» Bewilligungen (Juni 2018!!!) nicht mehr möglich sind. Reine Schikane. Er arbeitet nachts in einer Abfüllfabrik für Stilles Wasser und verdient 300 Dollar im Monat mit 6 Tagen Nachtschicht von 12 Stunden. Er will auch weiterhin Khaima Stellvertreter bleiben… 

 


25.8.  Morgens um 9 -13 Uhr «Fellowship» , Gottesdienst mit der Gruppe, die sonst von Chris and Greg betreut werden (presbyterianische Kirche).

 

Nachmittags Treffen mit Prshang, eine der Psychologinnen im Jugendgefängnis in Dohuk (ihr Ehemann Bewar ist Jugendarbeiter bei der Stadt Dohuk und betreut die Waisenhäuser). Sie freute sich sehr über den Lohn und das Vertrauen, das wir ins Projekt übers Ende von 2018 hinaus in die beiden haben. Es ist nötige und lohnende Arbeit. Sie hatten in der vergangenen Woche ein Gruppengespräch mit allen Jungs, danach wollten gleich 10 neue ein Einzelgespräch und das Gruppengespräch (die Interaktion) entlarvte den Unruhestifter, der Macht ausübt gegenüber den 13-14jährigen (bisher sagten die nichts aus Angst, jetzt reden sie offen). Die Mädchen sitzen den ganzen Tag tatenlos in der Zelle, die Psychologinnen wollen mit ihnen Handarbeit machen. So biete ich für ein weiteres Treffen die Organisation «RWANGA» auf, die solche Kurse auch in Gefängnissen machen darf (weil sie einem Enkel von Barzani gehört und somit Zugang hat).

 


26.8. Morgens Vorlesung bei Dr. Mamou über «Trauma ist immer politisch und kulturell», eine hoch spannende Angelegenheit für mich, auch weil ich neue Psychologen / innne beobachten konnte und den enormen Einfühlungsgrad dankbar zur Kenntnis nahm… es gibt Hoffnung für Kurdistan!

 

Mittags: Mittagessen mit Sondis und Prshag, Auswertung ihrer Erfahrungen und Arbeit. Das tönt sehr hoffnungsvoll, auch wenn sie manchmal an Grenzen stossen. Zum Beispiel sassen sie bei einer 2-gender-Frau in der Zelle, die Einzelhaft hat, weil sie bei einer Waffenübung die Waffe verlor, aus der sich ein Schuss löste, der einen Mann tötete.

Sie hat ein Trauma und kann sich nicht verzeihen, zu dieser Übung gegangen zu sein. Der Richter ordnete Einzelhaft an, weil er mit «transgender» nicht vertraut war und die anderen «schützen will». Was er dabei völlig vergass, dass traumatisierte Menschen in Einsamkeit und ohne Gesprächsmöglichkeit verstärkt Suizidgedanken entwickeln. Als ich den Direktor des Gefängnisses drei Tage später fragte, ob keine Änderung möglich sei, meinte er nur «wir haben eine Kamera in der Zelle, sie wird sich schon nichts antun»… soweit zur Trauma Arbeit im öffentlichen Sektor!

 

Abends: Treffen mit SOSD. Sie haben aufgrund der neuen Bagdad Bestimmungen viele Projekte stoppen müssen und darben und leiden… aber ich wollte nicht «auf die Schnelle» irgendein «new steps project» mit ihnen auf die Beine stellen. Wir werden das nächste Mal enger und tiefer diskutieren. Es ist tragisch…

 


27.8. Reise nach Shekhan. Von dort holt mich die Gefreite Kucher ab, um mich zum Bergquartier der Peshmerga oberhalb von Bashiqa zu bringen. Dort warten General Luqman und General Bahram Doski auf mich und nehmen sich 4 Stunden Zeit, um über die politische Situation zu sprechen, über die Situation der syrischen (Flüchtlings-)Peshmerga und die Zukunft von Kurdistan. Offenbar schiebt im Stillen Präsident Trump viel Geld hin und her, um Interessen zu vertreidigen und ein «Peshmerga Ministerium» zu schaffen und  die Flüchtlings-Peshmerga mehr zu integrieren. Gebietserweiterungen Richtung Kirkuk werden angesprochen, aber dieses mal vorsichtiger (keine Menschenleben riskieren). Die beiden (oder drei) Kontaktpersonen gilt es zu pflegen, weil sie mir wiederkehrend Zugang zu Camps und Aktionsplätzen ermöglichen, manchmal sogar mit Armeefahrzeugen, weil wir syrisch kurdischen Peshmerga helfen (die von der kurdischen Regierung kaum unterstützt werden).

 

28.8. Morgens: Gespräch mit Abuna Emanuel Yokhana, der offen gesteht, dass er meine Präsenz und Mitarbeit vermisst (wohl hauptsächlich, weil sonst keiner auf Deutsch übersetzen kann). Ein Müsterchen konnte ich dann am Ende des Aufenthalts, 10 Minuten vor meiner Abreise nach Kawergosk erleben, als die «Malteser» ein Projekt umändern wollten und dies bis am Abend geschehen musste, sie aber die Antwort in Deutsch brauchten. So kam ich letztlich eine Stunde später als geplant los von Dohuk…

 

Mittags: Treffen mit Vian, die so froh ist, endlich in Domiz II (ehemals Fayda) starten zu können. Der Ort, der Bekanntheitsgrad des Ortes für die Flüchtlinge (weil es ehemals IOM war) ist gewaltig und wichtig. Chris und Greg machen mit, wenn sie zurückkommen. Vian ist sehr aktiv und macht auch ein Backprojekt mit jesidischen Frauen, die ein Kind von IS Soldaten haben. Aber für den Augenblick winkte ich ab, es überzeugt nicht. Sie haben z.B. ganz wenig für die Psychologin eingesetzt (finanziell), was soviel heisst, als ob sie selbst kein Vertrauen ins Projekt haben.

 

Abends: Treffen mit Zirak in Sharya, um über neue Ideen und Möglichkeiten zu sprechen. Die Idee für das «follow up project» findet er sehr wichtig und kann bestätigen, dass manche Kinder als Freiwillige mithelfen, andere kommen und hängen herum, weil sie sich zu Hause nicht verstanden fühlen.

Er will bis 10.9. einen Budgetvorschlag machen.

 


29.8. Um 5 Uhr starten Bewar und ich und holen die Kinder ab, die wir nach Erbil an die deutsche Botschaft bringen, um ein Visum zu erwirken. Wir warten 5 Stunden mit den Kindern, bis wir eine Chance haben. Nun ist es in Bearbeitung und es sieht aus, als ob IOM massiv überfordert ist mit all der Arbeit (denn sie fragten Khaima über CAPNI an). Deutschland ist im Augenblick so massiv ablehnend, dass es noch nicht sicher ist, ob sie ausreisen dürfen…

 


 

30.8.  Früh fahren wir mit den Kindern von Sharya nach Laleesh zum Abschluss des Projects. Kinder werden zum Teil getauft, gesegnet, sind ausgelassen, fühlen neue Kräfte in dem Heiligtum, in dem 90% noch gar nie waren.

Leider musste ich mittendrin nach Dohuk fahren, weil der Direktor des Jugendgefängnisses in Dohuk nur dann Zeit hatte. Und ich wollte ihm unbedingt den RWANGA Beauftragten vorstellen, der vielleicht mit Jungs und Mädchen Handyreparaturprojekte und Ähnliches machen könnte.

Er lässt uns zu den Jungs (die Psychologinnen gehen zu den Mädchen) und wir machen eine Auswertung: 100% sind so dankbar, offen und unter 4 Augen reden zu können und Mut zu fassen. 80% sagen «they made us change our mind» (meint Schuldeinsicht, die durch die Psychologinnen angesprochen wurde).

 

Abends: treffen mit Dr. Mamou zu Hause (im Garten). Es braucht viel mehr Psychologen/innen, eine Übersetzung des Buches (NET «narrative exposure therapy») von Maggie Schauer ins Kurdische – sie wäre einverstanden – und wir könnten mit der Universität in Zakho immer noch das PM+ (problem managemant) der WHO in Kurdistan einführen.

 

 

31.8.   Nach Deutschübersetzungen für CAPNI kann ich nach Kawergosk reisen, um mit «Ahmad Bonjaq human rights organization» (meine erste und treueste und starke Organisation in Kurdistan) ausgiebig sprechen zu können und Ideen auszutauschen. Danach Fahrt zum Fluhghafen und Abflug…